Der Dompteur
Wenn man gewisse Dinge in Krankenhäusern erleben mußte, dann verlieren sich die Illusionen über die Göttlichkeit von uns Menschen in Sekunden. Die Würde, das Vertrauen in die Menschlichkeit
verliert man in dem Moment, in dem man selbst oder eine geliebte Person im ramponiertem Zustand dort anzutreten hat. Flyp pflegte zu sagen: "Krankenhäuser sind die gefährlichsten Orte der
Welt!"
Irgendwann haben wir alle diesen Weg des Grauens zu gehen. Für fast alle von uns, wird ein widerliches Krankenkaus und völlig verrohtes Personal das letzte sein, was wir sehen werden.
Krankenhäuser im Deutschland des Jahres 2009, vermitteln uns ein Bild der "Thatcher"-Ära" im England der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und sie demonstrieren uns Bürgern, wie
unwichtig wir Kassenpatienten dem Öffentlichem Dienst geworden sind. Es gab Zeiten in meinem Leben, zu denen ich mich stets gefragt hatte, wer im III. Reich als Staatsdiener gearbeitet hat.
Wer von uns wäre fähig, z.b. als Wärterin in einem KZ tätig zu sein?
Je älter ich werde und um so brenzliger die Stationen meines Lebens werden, um so klarer erkenne ich inzwischen das Leistungspotential von Menschen. Der eine kann Steine setzen. Und der
andere bleibt "KZ-Wärterin".
Vorgestern habe ich mir den linken Ringfinger gebrochen. Keine große Sache. Auch nicht besonders schmerzhaft. Schuld daran hatte ich zum Glück auch selber. Es war die neue Hundeleine aus Leder.
Zu hart und zu schmal das Ding. Jedenfalls wurden mein Hund und ich von der ekligen, grossen, grau-weissen Katze verärgert. Natürlich baute sich das Vieh vor uns auf. Mitten auf der Strasse. Und
auch das wilde Bellen von "Serge" ( er ist ein wunderschöner "Bouvier des Flandres" ) und sein toben, liess das katzentier unbeeindruckt. Denn es wusste ja, dass "Serge" nicht so konnte, wie
er wollte. und "Serge" ist keiner der Hunde, welcher lange fackelt. Er betrachtet es als seine Pflicht Katzen zu hüten. er jagd sie, stellt sie und verbellt sie ausführlich. Warum auch nicht?
Aber: er darf ja nicht. Und so schnürte diese Lederleine meine Hand ein und brach mir den Finger spiralförmig.
Da es Nachmittag war, erledigte ich noch schnell meine Einkäufe und spazierte dann zum örtlichen Krankenhaus. Ich hatte nicht die beste Laune. Denn nach einem Ermüdungsbruch im rechten
Handgelenk, einem Trümmerbruch im rechten Sprunggelenk, 2 Bandscheibenvorfällen und diversen Bänderdehnungen, war ich einfach nicht auf weitere Verkrüppelungen eingestellt. Kein Pferd und kein
Hund hatte mir jemals zuvor einen Bruch der Finger zugefügt. Und ich sorgte mich darum, wie ich zukünftig ein erneutes Brechen des Ringfingers oder der anderen Finger vermeiden könnte.
Im Krankenhaus der kleinen Insel, lief alles nett und freundlich. Das Personal eilte vom Abendbrottisch der heimischen Küche schnell zum Dienst. Und mit der Schwester, welche die Röntgenfotos
machte, scherzte ich noch über den Auftritt der Trachtengruppe vor der Musikmuschel. Dem Arzt sagte ich, dass es OK ist, wenn er mir den Ringfinger gerade ziehen würde. Und auch, dass die
Schmerzen OK sind. Allerdings, war der Finger durch die Leine so stark gequätscht, dass es leider nicht mehr möglich war, ihn durch diese Maßnahme wieder in Form zu bringen.
Es stand eine Reise auf´s Festland für den morgigen Tag an. Und eine Operation in einem Krankenhaus meiner Wahl. Da wählte ich Stade. Auch, weil der Insel-Chirurg dort einen Notfallchirurgen zum
Kumpel hat.
Abgesehen davon, dass ich von Sorgen zerfressen wurde: Ob das Kindermädchen ( Meine Freundin C. ) für den entzückenden "Serge" auch rechtzeitig aus Hamburg hier eintreffen würde? - Zweifel
an ihrer Befähigung "Serge" zu versorgen und ihn auszuführen, hatte ich nicht. Im Gegensatz zu den Insulanern.-
Es gelang mir aber trotzdem die Überfahrt zu geniessen. Denn ein grauhaariger Wuschelkopf mit athletischer Figur setzte sich neben mich. Wir führten ein angeregtes Gespräch über Hunde, Sport
und Politik in der "Ehemaligen" und im Westen. Und schließlich über die sportliche Essenz von Ost und West. Abschliessend empfahl ich ihm den Film:"Meyer". Nachdem wir
beide der Meinung waren, dass "Sonnenallee" ein Kinderfilm sei. Eigenartigerweise hielt uns das Bordpersonal für ein Pärchen. Etwas, was mir mit fremden Herren sonst nie passiert. Die
alleinstehende, ältere Dame im Sitz hinter mir, beglückwünschte mich beim Anlegen zu meiner Bordbekanntschaft. Sie sagte, dass sie unserem Gespräch gerne zugehört hatte. "Den Sport!" Fand sie
ganz besonders spannend.
Die Dame hatte bis Cuxhaven ca. einen Liter Rotwein getrunken. Es schien ihr nicht geschadet zu haben. Und schließlich, warum auch nicht? Es waren ja noch Stunden an Bord bis
Hamburg-Landungsbrücken.
Meine Bordbekanntschaft ( der Schwimmmeister und Surflehrer ), fuhr mich dann noch zum Bahnhof. Es blieben nur noch wenge Minuten bis zur Abfahrt. Das Ticket kaufte ich direkt beim freundlichen
Schaffner. Weil der Automat zuvor keinen € 50,-- Schein angenommen hatte. Es wurde eine angenehme Fahrt im "Metronom". Der freundliche Schaffner betreute aufmerksam die Fahrgäste und es
schien die Sonne, während der Zug über das Festland ratterte. Die wenigen Kilometer vom Bahnhof zur Wohnung meiner Freundin Kerstin, spazierte ich munter durch die Stadt. Den Koffer hinter mir
her rollend und das Handy am Ohr. Alles lief nach Plan. An der Ecke kaufte ich noch leckere Sachen und wir machten uns einen lustigen Abend mit "youtube", Kaffee und Cola.
Gegen Mittag des folgenden Tages machte ich mich zu Fuss auf ins Stader Krankenhaus. Schon nach wenigen hundert Metern, erblickte ich erfreut Günther. Er stand schon an seinem Auto. Und so fragte
ich ihn direkt, ob er mich ins Krankenhaus fahren wolle. Was er natürlich auch machte. Während der Fahrt in seinem offenen VW-Transporter, fiel mir ein, dass ich ja noch das Haus in Steinkirchen
zeitnah auszuräumen hatte. Natürlich fragte ich Günther. Das machte er aber diesmal nicht. Vor 5 Jahren, nach Flyp´s Tod, hatte er mir geholfen, unsere Wohnung am Mittelweg zu räumen. Damit hatte
er ohnehin schon mehr getan, als ich jemals für ihn tun könnte. Er wünscht sich von mir, dass ich ein Date mit Martina für ihn klar machen würde. Aber, ich kann das leider nicht für ihn tun.
Weil mich Martina wahnsinnig macht. Und ich lieber die Möbel im Haus in Steinkirchen auf den Rücken dort raustragen würde, als jemals wieder bei Martina aufzulaufen. Nach dem diese Worte meinen
Mund verlassen hatten, liess er mich an der nächsten Ecke aussteigen. Wir waren fast schon am Krankenhaus...
Inzwischen war es Mittwoch Mittag. 2 Tage waren seit dem Fingerbruch verstrichen. Ausserdem war morgen "Himmelfahrt". Ein Brückentag für ein langes, sonniges Wochenende. Trotzdem war mein Finger
ein "Notfall", welcher dringend operiert werden sollte. Es drohte mir nämlich die unbeweglichkeit und verkrüppelung des Fingers. Als ich mich im Keller des Stader Krankenhaus bei der
Notfallaufnahme anstellte, bemerkte ich, dass die ältere Dame vor mir sich tapfer an einem stabilem "Bitte-warten-Sie-hier"-Schild festklammerte. Ihr rechtes Bein war offensichtlich nicht in
Ordnung. Sie benötigte einen Stuhl. Also, sprach ich sie an und machte mich die 5 Meter zum nächsten Rollstuhlstand auf den Weg. Vorbei an 2 Krankenschwestern, welche sich hinter dem Tresen der
Anmeldung verschanzt hatten. Aus dieser Position heraus, hackten die gemeinsam auf einen Herren ein, welcher sich dort zur Untersuchung anzumelden hatte. Die beiden Rollstühle wurden von 2
versteinerten Zivildiensleistenden verwaltet. Einer davon erwachte bei meinem Anblick aus seiner Starre und schob den Rollstuhl ohne mein Zutun rüber zur wartenden Patientin. Diese fiel beglückt
in den Rollstuhl und mit einem Strahlen in den Augen dankte sie mir. Sie nutzte ihre Dankesrede dazu, mich darauf hinzuweisen, dass ihr ein Nerv im Bein bei einer Operation im Stader Krankenhaus,
aus Unachtsamkeit zertrennt wurde. Sie darum für immer ein Krüppel bliebe. Das hob meine Stimmung nicht . Und darum wies ich sie darauf hin, dass wir alle Patienten seien. Und ich liess sie im
Unklaren über den Grad meiner Verletzung. Als eine der Krankenschwester barsch nach der Patientin rief, sprang diese verängstigt aus ihrem Rollstuhl auf. Mühsam strauchelte sie zum Tresen der
Anmeldung. Sie hatte Angst vor diesen beiden Hyänen in weissen Kitteln. Und diese kranken Schwestern verzichteten auf eine Begrüßung. Statt dessen ergoss sich ein Platzregen des
Zeterns auf die Patientin. Ein Duett aus Anklage und Spott: "Sie können ja doch laufen! Und wofür sollte jetzt der Rollstuhl sein? u.s.w." Mir entfuhr ein anerkennendes Pfeiffen für so viel
Boshaftigkeit. Und vor der geballten Niedertracht ging ich in die Knie. Genauer: Ich setzte mich in den Rollstuhl. Mein Pfeiffen hatte die Zivis geweckt. Auf dieses Signal hin, marschierten beide
synchron zur um ihr Leben fürchtenden Patientin mit dem durchtrennten Nerv im Bein. Diese hatte inzwischen den Fehdehandschuh der kranken Schwestern aufgenommen und lieferte sich barsche
Wortspiele mit den beiden. Die Zivis packten die Patientin liebevoll an den Armen und hievten sie in den Rollstuhl, welchen ich zum Ort des Geschehens geschoben hatte. Die Patientin legte
offenbar großen Wert darauf, dass jeder Anwesende hören sollte, welchen Ärtzepfusch sie im Stader Krankenhaus erlitten hatte. Enstprechend laut wurde diese Szene. Schließlich lenkten die
kranken Schwestern ein. Und die Patientin wurden von den Zivis abgefahren. Vermutlich direkt zum behandelnden Arzt. Oder aber zum Abdecker?! Meine Laune wurde nicht besser bei solchen
Gedanken.
Nun war ich an der Reihe. Eisige Blicke musterten mich. "Was wollen Sie hier? Sie waren doch schon in einem Krankenhaus! Da können wir sowieso nix machen. Nur mit Termin beim Handchirurgen. Der
ist aber nicht da. Und kommt auch nicht mehr. Vielleicht nächste Woche." Und sie musterte meine Röntgenbilder, in dem sie diese Richtung Flurbeleuchtung hielt. Worauf ich kurz auflachen mußte.
Das ärgerte sie und sie sagte:" Für eine Operation ist es jetzt sowieso zu spät. Der Finger bleibt steif!" Und in dem Moment war mir schon klar, dass ich meinen Finger niemals operieren lassen
würde. Und dass diese Hyäne im weissen Kittel mir auf alle Fälle noch einen verpassen würde. Aber, anstatt zu gehen, entschloss ich mich dazu diesem Laden noch eine Lektion in Sachen
Kundenfreundlichkeit zu erteilen. Und darum sagte ich ihr in einer Lautstärke, die keinen Zweifel daran liess, dass ich sauer war: "Wer sind Sie? Frau "Alleswisser"? Denn mein Finger sah zwar
grauenhaft aus. OK, er war sehr krumm und seltsam verkürzt. Aber, er war beweglich. Selbst unter der Gipsschiene konnte ich ihn zappeln lassen. Und ich sagte weiter:"Ich vertraue da meinem
heimischen Chirurgen. Welcher sehr gerne selber operiert hätte. Aber dafür nicht ausgerüstet ist. Auf dem Arztbrief steht: "Notfall". Also nicht nächste Woche. Darum bleibe ich jetzt hier, bis
ich mit einem Chirurgen gesprochen habe!" Die kranke Schwester war auf Krawall gebürstet. Und sie krakeelte: "So aber nicht. Nicht in diesemTon!" Ihr Kopf füllte sich mit Blut. Weil ihr Körper
vor Wut Unmengen Adrenalin produzierte und ihr Herz wie wild pumpte. Kühl aber bestimmt antwortete ich ihr: Nein. Es ist ihr Ton! Sie streiten mit Patienten. Ich bin verletzt und habe Schmerzen.
Also tun Sie endlich was. Aber Zack-Zack!" Und wie eine schwerfällige Diesellok setzte sich Schwester ,Metha v. A., in Gang. Trotzig rollte sie mit ihrem Stuhl an den Monitor. Und an ihrem
Grinsen konnte ich erkennen, dass ich endlose Stunden hier im Keller zu hocken hatte. Trotzdem mußte ich lachen, als ich die versteinerten Zivis im vorüber gehen streifte. Im Kellerlloch welches
als Wartezimmer diente, sassen bereits andere Wartezimmerleichen. Sie sahen aus, als ob sie schon zur Eröffnung dieses Krankenhauses dort eingeliefert worden seien und bis zu ihrem Tode dort zu
verweilen hatten. Teilnahmslos, Hoffnungslosigkeit im Blick, verwahrlost, übermüdet, hungrig und verschwitzt. Jeder Neuzugang im Laufe der Stunden des Wartens wurde misstrauisch, ja fast
feindlich beargwöhnt. Denn schreiende Kinder und wütende Senioren wurden sofort aus der Warteschleife entfernt und an geheimnisvolle Orte gebracht, welche die Patienten auf ein
"Nimmerwiedersehen" verschluckten.Nach ca. 90min. bekam ich Hunger und ich sagte Schwester Metha von Allwörden, dass ich ins Restaurant gehen würde und in einer Stunde wieder zurück sei. Sie
gröhlte mir noch nach, dass ich nüchtern zu bleiben hätte, wegen der Operation. Worauf ich wieder lachen mußte. Und ihr sagte, dass sie gar nicht erst so zu tun bräuchte, als ob ich noch operiert
werden würde. Die Mahlzeit stimmte mich etwas freundlicher und ich beschloss, durchzuhalten. Zumindest noch eine weitere Stunde. Was sollte ich auch meinem Vater und meinen Freunden berichten?
Dass ich ohne Behandlung aus dem Laden geflohen bin? Aus Angst vor Schwester Metha und den anderen Hyänen? Unangenehme Sache. Zurück im Kellerloch / Wartezimmer, wartete inzwischen ein
quittegelber Mann mit Krücken. An seiner Seite, seine weinende Ehefrau. Den Rest der Gesellschaft begrüßte ich mit den Worten:"Sie sind ja immer noch da!" Die weinende Frau suchte ein Gespräch
mit mir. Und ich fand die passenden Worte für sie um sie zu beruhigen und sie zu stärken. Denn ich kannte die Situation an der Seite eines geliebten, sterbenden Menschen zu gut. Und ich kannte
den Wert eines Wortes das Mut macht. Hoffnung gibt für den Moment. Wenn es auch keine Hoffnung für eine gemeinsame Zukunft gab. Menschen, die bereits ein Rendevouz mit dem heran schleichendem Tod
haben, besitzen eine Klarheit des Geistes, eine Erkenntnis und eine Dankbarkeit, welche jedes Gespräch mit ihnen zu einer Kostbarkeit werden lässt. Zu Juwelen im Schmukkasten der Erinnerungen.
Flyp war in diesem Krankenhaus gestorben. Die Geschichte ersparte ich mir und diesen Leuten. Die weinende Frau sagte:"Sie ( sie meinte damit die beiden Hyänen im weissen Kittel ) haben
uns angerufen. Mein Mann war noch an der Dialyse." Bei diesen Worten schnürrte es mir kurz den Atem ab, denn ich mußte an Addi denken, welcher just in jenem Moment auch an der Dialyse lag. Und es
beruhigte mich, dass der Patient hier neben mir im Wartezimmer um einiges schlechter aussah als Addi."Wir sollten sofort hierher fahren. Wir sind sofort los. Und jetzt hören wir gerade,
dass der Doktor gar nicht da ist. Der kommt auch nicht mehr." In ihrem Gesicht spiegelte sich Kummer und Verzweiflung. Und Klagegeister umschwirrten ihren Kopf und unterstützten die Worte durch
ihren geheimnisvollen Gesang. Bevor mein Geist sich in bitterer Erinnerungen verfing, holten mich die Worte des Dialysepatienten zurück in die Realität des Wartezimmers:" Es ist so, dass ich hier
die Nase voll habe von der Warterei. Das Bein muss gemacht werden. Aber diese Verarsche hier, kann ich nicht mehr ertragen." Um die Situation zu entspannen, fing ich an über die Manieren der
kranken Schwestern zu spotten. Und ich wies darauf hin, dass wir Patienten diesen Laden hier finanzieren und das wir dafür erstaunlich wenig Dienstleistung zurück bekommen. Dann ließ ich mir
seine Beschwerden schildern und empfahl ihm eine kleine Praxis für ambulante Gefäßchirurgie. "Dort werden nur Beine gemacht. Sie können direkt vor der Tür parken, die Leute sind freundlich und
man bekommt auch noch einen Kaffee!" Sagte ich. Das Ehepaar packte darauf hin seine Sachen, dankte mir, stritt noch mit den kranken Schwestern um Herausgabe der Krankenakten und verließ das
Stader Krankenhaus auf Nimmerwiedersehen.
Das Gezeter der kranken Schwestern und die Flucht des Ehepaares, hatten einen weiteren Patienten beunruhigt.
Dieser fasste nun Mut, sich zu beschweren. Er klagte über 4 Stunden Wartezeit und das er es einfach nicht länger ertragen kann. Die kranken Schwestern zeterten fürchterlich, aber auch dieser Mann
wurde dann unverzüglich in eine Kammer geführt. Aus der kam er noch mal zurück. Und ich machte ihm Angst, als ich ihm die Geschichte der Patientin aus New-York berichtete. Diese war nach
tagelangem Warten auf einen Arzt im Wartezimmer verstorben. Die Putzfrau hatte sogar um die Leiche herumgeputzt! So viel zum Thema Personal im Krankenhaus!!! Auch dieser Gesprächspartner nahm
einen erneuten Anlauf, ergatterte seinen Beförderungsschein und konnte das Krankenhaus nach mehr als 4 Stunden als "Freier Mann" verlassen. Für einen kurzen Moment blieb ich alleine im
Wartezimmer. Dann kam eine junge schöne Mutter mit zwei bildhübschen Söhnen dazu. Der eine hielt seine Hand. Diese war schmutzig und dunkel gebräunt von der Sonne. Die Mutter suchte das Gespräch
mit mir. Denn auch sie und ihre Kinder waren Zeugen des Gezeters und der Beschimpfungen der kranken Schwestern geworden. Also sagte ich zu ihrem Sohn: "Was ist mit deiner Hand?" Er zeigte mir
sein Händchen. Es sah gesund aus. "Jetzt bewege mal Deine Finger!" Und seine Fingerchen waren beweglich wie Kaulquappen in einem Teich. Dann zeigte ich ihm meinen kurzen, krummen
Ringfinger, in dem ich ihn in meinen Gips gucken ließ. Er ekelte sich in angemessener Weise und stellte eine Spontanheilung und völlige Schmerzfreiheit an sich fest. Seine Mutter dankte mir. Und
ich sagte: "Haut bloss ab! Oder wollt ihr auch 4 Stunden warten?" Woraufhin die drei auch sofort das Krankenhaus verliessen. Nun blieb nur noch ich. Ganz ruhig und freundlich schlenderte ich zum
Tresen der Anmeldung, wo inzwischen ein Schichtwechsel anstand. "Gibt es irgendwo ein Krankenhaus, wo es einen Handchirurgen gibt?"Fragte ich Schwester Metha direkt. "Ja. Im UKE." Antwortete sie.
"Würden sie da für mich anrufen?" "Nein! Das machen wir grundsätzlich nicht." Das tat dann die freundliche Dame an der Rezeption für mich und das UKE sagte:"Kommen Sie sofort!"
Also stürtzte ich zu Kerstin, packte meine "Notfalltasche" und eilte zum Bahnhof. Dort angekommem wartete der "Metronom" auf mich. Es blieb keine Zeit für den Fahrkartenautomaten und ich sagte
zur Frau Schaffnerin: "Das Ticket muss ich bei Ihnen kaufen!" Und diese potentielle KZ-Wärterin antwortete mir eiskalt aber mit einem fiesen Grinsen: "OK. Aber das kostet Sie € 40,--!" "Warum?"
Fragte ich fassungslos.Und sie sagte: "Zutritt nur mit Fahrschein! Sonst Anzeige und € 40,-- zahlen." Der Zeiger der Bahnhofsuhr näherte sich bedrohlich der Abfahrt. Es blieb keine Zeit zum
Streiten. Und das wusste das verdammte Aas.
Also sprang ich aus den Zug. Wartete 40 min. und fuhr dann mit der Bummelbahn stundenlang bis Dammtorbahnhof. Von dort ging es weiter mit dem Bus und zu Fuss. Zwischendurch im Laufen gegessen und
getrunken und telefoniert. Schließlich mußte ich die Nacht ja irgendwo bleiben. Das UKE wirkte nach den Kellerräumen des Stader Krankenhauses wie ein gut ausgeleuchtetes Raumschiff. Leider mußte
ich in einem verdunkeltem, kleinen Behandlungsraum auf die Ärztin warten. Diese kam angerauscht und pöbelte mich kurz und knapp an: "Mit so einem Bruch kommen Sie am Mittwoch Abend hier her? Das
ist ein Fall für den Handchirurgen! Und der ist gar nicht da."
Knapp antwortete ich ihr:"OK, und wo ist einer? Wohin muss ich fahren, damit mir jemand helfen wird?" Meine Worte liessen Hass in ihr aufsteigen. Ihr Gesicht lief rot an. und ihre Lippen
verzehrten sich zu einer Grimasse.
Ohne ein weiteres Wort rannte sie davon und ließ mich fragend zurück. Ich schlenderte zur Rezeption und fragte ob ich noch weiter warten sollte. Und ob ich einen Stift und ein Blatt Papier haben
könnte. Ausserdem wollte ich im Wartezimmer warten und nicht im dunklen Zimmer. Bedauerlicherweise bekam ich einen leichten Asthmaanfall. Und mir fiel spontan ein, dass ich noch ein Rezept für
Cortisonspray mit mir rumschleppte. Also fragte ich nach diesem Medikament. Aber sowas machten die da grundsätzlich nicht. Irgendwann bekam ich ein Zeichen, dass die Ärztin und ein Kollege mich
"untersuchen" wollten. Die Ärztin fing gleich wieder mit den Pöbeleien an: Was ich denn überhaupt im UKE wolle? Und ich sagte ihr und ihrem Kollegen: "Wenn ich in Hamburg wohnen
würde und ich hätte mir gerade eben den Finger gebrochen, dann wäre ich auch zu Ihnen gekommen. Denn das ist eine Notfallstation und auf meinem Arztbrief steht: "Notfall"! Abgesehen davon bin ich
verletzt, ich habe Schmerzen und habe heute auch schon einiges durchgemacht. Und jetzt hören Sie auf mit Ihrem rumgezicke und benehmen sich mir gegenüber angemessen und freundlich!" Kaum hatte
ich diese Worte gesagt, verzerrte sich das Gesicht der Ärztin zu einer Wutfresse. Sie sprang hasserfüllt auf, stürzte zum Ausgang und verliess den Raum mit sehr lautem Türen knallen. Der jung
Arzt blieb in der Rolle des arroganten Gockels. Er lästerte über den Chirurgen auf meiner Heimatinsel und spottete auf das Stader Krankenhaus. Schließlich sagte er, dass er den Finger nicht
operieren würde. Und ich sagte ihm, dass ich doch sehr beruhigt bin, dass er mich nicht operieren würde. Und er ordnete an, dass ich einen neuen Gips-Verband erhielt. Ausgeführt durch eine
Pflegekraft, welche so sehr hustete, dass ich Angst vor einer Infektion mit Schweinegrippe bekam. Was ich weder dem arrogantem Arzt, noch der Pflegekraft sagte war, dass ich 2 Jahre min. einmal
die Woche im UKE gewesen bin. Damals, ich noch glaubte, dass Flyp und ich gemeinsam alt werden könnten. Zu einer Zeit, als ich noch an die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit des Deutschen
Gesundheitssystem glaubte. Mit dem frischem Gips am Arm, eilte ich durch die Nacht. Auf der Suche nach einer Apotheke wg. dem Asthmaspray. Am folgenden Samstag machte ich den Umzug. Der
Finger wurde dann nicht mehr operiert. Er ist krumm und schief. Was soll´s...
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