Selbstgespräch über das Leben und das Sterben
Diese Geschichte widme ich meiner Freundin Iris Pethke ( RIP ). Sie war eine großartige Mutter und ein wertvoller Mensch. Sie wurde das Opfer eines Stalkers. Der Mörder lief am 25.07.2005 Amok.
Iris durfte nur 36 Jahre bei uns bleiben. Sie starb einen unnötigen und vermeidbaren Tod. Was ist ein Menschenleben wert?
"NCL.
Neuronale Ceroid Lipofuszinose. Wohl dem, der keinen Anlass hat, dieses Wort fließend aussprechen zu können. Dahinter versteckt sich eine seltene, heimtückische Stoffwechselkrankheit im
Kindesalter, die zu einem schrittweisen Absterben von Nervenzellen führt, die am Ende den gesamten Organismus ergreift. Verbunden damit ist das Todesurteil. Der Körper baut immer mehr ab, während
die kleine Seele weiterlebt. Selten wird ein von dieser spätinfantilen NCL-Form betroffener Mensch älter als zwölf Jahre. Dieses Schicksal wird von 320 Kindern in Deutschland geteilt. Auch von der
entzückenden Angelina (8) aus Stade. "Mama, ich habe Aua im Kopf", sagte sie im Alter von drei Jahren plötzlich. Heute sitzt sie im Rollstuhl, kann weder sehen noch sprechen und wird von ihrer
Mutter Iris Pethke innig betreut. Die Mütter, in den meisten Fällen übrigens sind die Väter später nicht mehr präsent, teilen mit ihren schwer kranken Kindern Gefühlswelten, die schwer ermesslich
sind. Schmerzender, aber auch intensiver können Emotionen nicht sein. Verbunden damit ist ein enormes seelisches wie körperliches Leistungspensum. Betreuung rund um die Uhr verhindert alles
Private: Das Leben wird der Krankheit untergeordnet. David wie Angelina reagieren auf diese immer währende Zuwendung mit Reaktionen gefühlsmäßiger Glückseligkeit, die den Müttern neue Kraft gibt.
Ganz bewusst wird Angelina am 24. Mai getauft. Es soll ein wunderschöner Tag werden. PS: Beide Mütter haben ihre Kinder im Hospiz Sternenbrücke angemeldet. Um ein paar Tage Kraft zu tanken. Bevor
die psychischen Belastungen noch größer werden. "
Erschienen am 19. Mai 2003 im Hamburger Abendblatt
"Liebe Leute,
Iris war die Mutter eines schwerstkranken Kindes (Angelina, 10 Jahre).
Ich schreibe dies, weil ich zum einen so erschüttert bin, und weil ich denke, dass sie vieleicht einem/r von Euch bekannt war:
Heute Nacht wurde sie von ihrem ehemaligen Lebensgefährten, einem Ex-Polizisten erschossen. In den Kopf,PENG. Wenn die Frauen nicht wollen, was die Männer wollen, dann werden sie halt
abgeknallt.
Ich kann nur noch weinen.
Ich weiss nicht, was mit Angelina passiert, ich hoffe immer noch alles ist ein böser Traum aus dem ich jeden Moment erwache.
Sie ist das beste, was einem Kind und noch dazu einem so kranken passieren konnte. Und wenn der Typ sich nicht auch erschossen hätte...
Ich möchte jetzt nicht in einem öffentlichen Raum so viel über Iris schreiben, weil ich der Yellow Press nichts bieten will.
Wer sie kannte sei gegrüsst.
Traurige Grüsse
A.
hallo A.,
Auch ich habe davon gehört und muss sagen das auch ich sehr berührt bin ,ich hatte mal ein Interview von ihr bei Sam gesehen, da ging es um sie und die Ängste wegen ihrer Tochter .Sie schien mir
eine sehr netter Mensch gewesen zu sein ,und sehr bedacht auf das Wohlergehen Ihrer Tochter ,die einem jetzt natürlich sehr leid tut .Ich mag mich da immer nicht so reinversetzten denn es tut sehr
weh ..Besonders wenn man dann an die eigenen Kinder denkt ,wie grausam es für sie wäre ,,Ich drücke Dich ganz fest und denke unbekannter weise an Iris und ihre Familie,,,Werde heute Abend eine
Kerze für sie zünden um 20 Uhr,denn so einen Tod hat niemand verdient.Ich hoffe es schliessen sich noch welche an
Lieben Gruss Be."
Aus: "Reha Kids" dem Forum für besondere Kinder
erschienen am 26.07.2005
"Dieses Jahr beteiligt sich der Kulturverein Buxtehude mit einer Spende, aus dem diesjährigen Feuerzangenbowlen-Verkauf, an der Radio Hamburg Aktion „Hörer helfen
Kindern“. Die Spende kommt der kleinen Angelina Pethke aus Stade zu gute. Angelina ist an der seltenen Stoffwechselkrankheit NCL (Symptome: Erblindung, Abbau psychomotorischer Fähigkeiten und
Epilepsie) erkrankt und hat vor kurzem Ihre Mutter verloren. Sie lebt jetzt in der Einrichtung Sternenbrücke in Hamburg.
KV-Team"
Meldung vom 12.11.2005 auf der Seite des KV
Als niemand da war, der es irgendwie "gut" mit mir hätte meinen können. Als ich durch den Kummer und den Horror meines Gefühlsleben nicht mehr wußte, ob ich überhaupt noch weiter leben kann, da
tauchte Iris auf.
Sicherlich, wir kannten uns flüchtig schon seit vielen Jahren. Wir hatten gemeinsame Freundinnen. Aber beide waren wir zu sehr in unserer eigenen Welt verstrickt, als das sich regelmäßige
Berührungspunkte hätte ergeben können.
Und trotzdem, in den schwersten Stunden meines Lebens. Nämlich nach dem ich meinen Mann auf qualvolle Weise hatte sterben sehen. War Iris plötzlich da. Durch ihre Disziplin, ihrer Härte sich selbst
gegenüber und ihrer bedingslosen Lieben zu ihrem Kind. Einer Liebe, für die es kein "Happy-End" geben würde. Sondern, die in Leiden und unerträglichem Kummer ein viel zu frühes Ende zu finden
hatte. Zwang sie mich dazu, das Selbstmitleid herunter zu schlucken. Und zu erkennen, dass es immer einen Menschen gibt, der ein viel schwereres Schicksal zu ertragen hat, als man selbst.
Wenn ich heute Stade besuche, dann ist es für mich nur sehr schwer, nicht traurig zu werden. Denn Iris liebte es durch diese Stadt zu schlendern. Sie liebte das romatische Blumengeschäft und suchte
nach feinen Dingen für ihre Tochter. Iris war eine Frau, von großer innerer und äußerer Schönheit. Sie war viel zu hübsch, um in so einer kleinen Stadt nicht aufzufallen. Und ihre Schönheit
und ihre Dickköpfigkeit kostete Iris das Leben.
Womit ich bis heute zu kämpfen habe, ist mein damaliges persönliches Versagen. Meine Schuld an ihrem Tod. Denn ich war damals so sehr mit mir und meinem Kummer beschäftigt, dass ich überhaupt nicht
erkennen konnte, in welcher akuten Gefahr sie sich befand.
Sicherlich den Telefonterror durch diesen Rüdiger hatte ich mitbekommen. Auch manche fürchterliche Geschichte hatte mir unsere gemeinsame Bekannte M. berichtet. Das was mir Iris dann
erzählte, hörte sich fast harmlos an. Ihre Arroganz, ihre Härte und ihre Zickigkeit konnten wohl nicht zulassen, dass sie Angst zugegeben hätte. Nicht mal vor sich selbst. Und im Vegleich zum
Zustand der kleinen Angelina, schien alles andere ja auch harmlos zu sein. Iris sorgte sich mehr um ihr Kind, als das sie diesen widerlichen Mann hätte ernst nehmen können. Glaubte ich damals.
Heute sehe ihr Verhalten mit ganz anderen Augen. Sie mußte mich schützen. Vor dem Stalker. Und sie hatte sich schon längst aufgegeben. Sie wußte, dass Angelina nicht mehr viel Zeit bleiben würde
und nein, sie freute sich nicht auf die Zeit danach.
In jener Nacht, in der Iris erschossen wurde, genau zu ihrer Todesstunde hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass ich im Bus sitze. An der Haltestelle vor Iris Wohnung, sass Flyp. Er war ganz in
schwarz gekleidet. Er sah so traurig aus. Ich rief ihm zu: "Ich dachte du bist tot?" Er antwortete nicht und der Bus fuhr weiter. Vor Schreck erwachte ich. Am nachmittag habe ich erst den Tod von
Iris realisiert. Heute weiss ich, dass Flyp gekommen war um Iris abzuholen.
"Es war eine abgemachte Sache." Waren die Worte unserer Freundin C. als diese vom Amoklauf erfuhr.
Dem Mord an Iris war ein Rufmord vorausgegangen. Die abenteuerlichsten Geschichten wurden über die arme Iris erzählt. Natürlich auch, sie sei Prostiuierte oder eine Ex-Prostituierte gewesen. Diesen
Schmutz hatte der Stalker seit Jahren verbreitet. Auch, dass Iris seine Lebensgefährtin gewesen sei.
Selbstverständlich war Iris niemals dessen Lebensgefährtin! Der stadtbekannte Weiberheld hatte damals um sie geworben. Ihr Sicherheit vorgegaugelt. Einen auf "Grossen Max" gemacht. Als
verheirateter Mann. Und wesentlich älter als sie. Das alleine disqualifizierte ihn schon als möglichen Lebensgefährten und Vater für Angelina. Sie hatte ihn rasch durchschaut. Wollte ihn los
werden. Da schnappte die Falle zu. Zehn Jahre hatte er sie gequält. Bevor er in einem finalem Amoklauf sein angekündigtes Ziel erreichte. In jener Nacht tötete er, während sie versuchte zu
entkommen. Für Iris brauchte er 5 Schüsse. Das hatte ich damals gezählt. Auf dem Foto der Feuerwehr, welches im Käseblatt veröffentlich wurde. Da sah ich ihre Leiche. Auf der Strasse, vor
ihrer Wohnung liegend. Sie trug ihren Schlafanzug und einen Pulli. Keine Socken. Er hatte sie im Bett überrascht. Sie war geflohen. Vermutlich um Angelina vor dem Mörder zu schützen. Oder um
Hilfe für sich und ihr Kind zu suchen. Sie musste furchtbare Angst gehabt haben. In ihrer Hilflosigkeit hatte sie versucht die Balkontür zu zukleben. Sie hatte keine Chance. Es war eine abgemachte
Sache.
Der Mörder war nicht Mann genug, dass Kind von seinem Leiden zu erlösen. Angelina mußte noch bis März 2006 im Sterbehospiz ohne ihre Mutter weiter "leben". Blind, gelähmt und ohne
Hoffnung. Ein Foto der Leiche des Mörders wurde damals leider nicht veröffentlicht. Fotos des hilflosen Kindes schon. Es sollte ein Dank sein an die Leser, welche Angelina Spenden hatten zukommen
lassen.
Iris war niemals eine "Nutte". Schön genug war sie schon. Wenn Schönheit das einzige entscheidende Kriterium für so eine Berufswahl sein sollte. Eigenartigerweise werden gerade schönen Frauen
solche extremen Tätigkeiten angedichtet. Tatsächlich sind das aber fast immer Wunschfantasien der Nachbarn. In Wirklichkeit war Iris durchaus fähig, ihr Leben ohne Mann und ohne Prostitution
vorbildlich zu bewältigen.
Das Iris eine Nutte gewesen sei und dieses ganze wüste Zeug, dass wurde dann auch über das Käseblatt bis ins TV verbreitet. Natürlich habe ich alles getan, um das zu stoppen und die verantworliche,
freie Mitarbeiterin des örtlichen Käseblattes hatte ich mir auch vorgeknöpft. Aber, es war leider das letzte was ich für meine Freundin tun konnte.
Iris war eine Frau, deren Leben durch den Wunsch nach einem Kind, einem Mädchen, schon früh geprägt wurde. Sie wußte, sie würde ihre Tochter "Angelina" nennen.
Vielleicht ist der frühe Wunsch nach einem Kind auch typisch für einen Menschen der adoptiert wurde und sich immer fragte: "Wer bin ich? Und wo ist der Rest meiner Familie?" Aber erst nach dem sie
ihre Ausbildung beendet hatte und auch schon im Beruf sehr erfolgreich tätig war, fand Iris ihre große Liebe. Und sie nutzte die Chance auf ein Kind mit diesem Mann. Obwohl sie wußte, dass diese
Liebe keinen Bestand haben würde. Was sie nicht wußte, nicht wissen konnte war, dass beide: Vater und Mutter ihrer Tochter die tödliche Krankheit NCL vererbt hatten.
Und als sie das erfuhr, da war die kleine Angelina schon schwer krank. Unheilbar. Und es wurde auch nicht mehr besser, sondern von Monat zu Monat grausamer und hoffnungloser. In dieser
Zeit fand Iris keine Unterstützung bei ihren Adoptiveltern. Denn diese Eltern waren schon lange tot. Aber sie brauchte auch keine familiäre Unterstützung. Ihre Energie zog sie aus dem Willen, ihre
Tochter zu retten. Aus dem Wunsch heraus, Gott möge ein Einsehen haben. Und die Medizin sich bitte einmal irren. Einmal nur. Einmal ein Wunder.
Wenn der Wille Berge versetzen kann, warum waren Iris und Angelina dann nicht mehr zu retten?
Der Mörder war stadtbekannt. Er war ein Polizist. Keine große Nummer. Aber als Einheimischer tief in der Stader Szene verwurzelt. Das alles verschaffte ihm Macht und Authorität. Er besass genug
davon, um seine Kollegen schon mal um einen Gefallen zu bitten. Und er besass genug davon, um in Iris Bekanntenkreis auf zutauchen und Angst zu verbreiten. Trotzdem er die Frührente für sich in
Anspruch genommen hatte, verlangte niemand die Dienstwaffe zurück. Das gab ihm die Macht, sich über Leben und Tod aufzuspielen. Ohne diese Waffe, wäre er niemals im Stande gewesen zu töten. Es war
eine Geste der Macht der Kollegen, dass diese über den Waffenbesitz großzügig hinweg schauten. Warum fragte niemand, was er denn mit seiner Waffe überhaupt noch tun wolle? Was, außer töten?
Im Lauf der Jahre, war jedem in dieser Stadt aufgefallen, dass der Mörder merkwürdig geworden war. Und das sein Interesse an Iris seit langem die Grenze zum Wahn überschritten hatte. Aber
niemand rief ihn zur Räson. Und als ich anfing, meine Freundinnen vor diesem Mann zu warnen, also für Unruhe im engsten Umfeld des Mörders sorgte, legte ich den Hebel um. Ich entsicherte diesen
Mann. Und es war niemand da, der dieses Monster stoppen konnte oder wollte.
Die persönliche Freiheit des psychisch kranken Amokläufers incl. dessen illegalem Waffenbesitz, war der Polizei, der Justiz und den Angehörigen von Rüdiger Schulz mehr wert, als das Leben von
Iris und ihrer Tochter.
Und ich frage mich jeden Tag: Haben Polizisten, Richter und Anwälte keine Frauen und Kinder?