Flyp war ein ganz besonderer Mensch. Er war der intelligenteste und liebenswerteste Mensch, den ich jemals getroffen habe. Er war der geborene Diplomat. In seinen Adern floß blaues, persisches
Blut. Er hatte die Schönheit, die Empfindsamkeit und die Noblesse des persischen Reiches von seinem Vater geerbt. Der sah in seiner Jugend "Tyron Power" ziemlich ähnlich. Das verschmitzte und die
Lebendigkeit der welschen Weinbauern vom Genfer See, bekam er als Geschenk von seiner wunderschönen schweizer Mutter.
Seine Eltern hatten sich als Teenager in dem Internat am Genfer See verliebt. Er, war dort Schüler. Sie, war die zauberhafte Tochter der Putzfrau. Beide waren 17 Jahre alt, als Flyp am
11.02.1952 in Hamburg geboren wurde.
Geboren in Hamburg. Nirgendwo sonst sollte man geboren worden sein. Denn Hamburg bedeutet Heimat. Schon der Name dieser Stadt transportiert die entspannte Weltoffenheit und den exquisiten
Geschmack der Hanseaten über die Kontinente. Aufgewachsen zwischen Pöseldorf, was wahrscheinlich der schönste Ort überhaupt ist, und in Teheran. Internate in Deutschland, England und den
USA.
In allen Sprachen zu Hause. Ein typischer Hamburger.
Er war das feinste und schönste, mit dem sich eine Frau schmücken konnte.
Dabei wild und unberechenbar. Niemand konnte Menschen so dominieren wie er. Ein Meister der Sugestion. Ein Macchiavelli der Straße. Allerdings mit einem Gewissen.
Es gibt eine Person die ihm ähnelt. Seiner dunken Seite.
Es ist eine Figur aus dem Film: "Killing Zoe", der Schauspieler heisst: Jean-Hugue Anglades. Es ist die Szene wie er das Hotelzimmer des Kumpels betritt und die nackte Zoe auf den Flur schmeisst.
So war er. Nicht immer. Aber manchmal schon.
Trotz allem Talent, seinem Geist, seiner Schönheit und seiner Eleganz, war er ein trauriger Held. Denn er hatte ein Geheimnis. Etwas, dass ihn erheblich von den Menschen z.B. aus seinem familiärem Umfeld unterschied. Daran ist er schließlich zu jung und qualvoll verreckt. Es war am 26.03.2004. In dem Jahr, in dem es nur geregnet hat. Damals sagte ich:"Der Himmel weint, weil Gott einen Fehler gemacht hat." Was eindeutig Gotteslästerung ist. Aber ich hatte es satt, dass ganze Spirituelle. Und das man mit seinem Willen Berge versezten kann und all dieses Zeugs. Und das letzte, was ich noch gebrauchen konnte, waren Gott, Gespenster, Seelen und Dämonen. Allerdings auch das blieb mir nicht erspart. Und bis heute erreichen mich in meinen Träumen Botschaften. Unglücklicherweise sind es meistens die Abschiede meiner Freunde, welche ich in der Stunde ihres Todes miterlebe. In meinen Träumen kommen sie ein letztes mal zu mir. Auf dieser Welt. Denn man weiss ja nie...
Mir wäre es lieber, ich würde die Lottozahlen träumen.
Flyp´s Todestag, war der Tag, an dem ich mich von vielen Dingen abwandte, welche mir bis dahin wichtig waren. Welche uns wichtig waren. Mit seinem Tod, ist für mich auch die Musik gestorben. Sie hat aufgehört zu existieren. Teile von ihr schwappen noch rüber zu mir. Und kurz erkenne ich noch die Magie des Rock´n´Roll. Der Zauber der "Byrds" und den von "Gram Parsons". Aber ihre Kraft, ihre Wärme erreicht mich nicht mehr.
Neil Young, ist inzwischen ein alter Sack. Seine Stimme riecht für mich nach Kohäsion. Nach Kompost und Friedhof. Wie alles was mich umgibt. Seine Songs erinnern mich an das, was ich verloren habe. Um nicht für Stunden in Trübsal zu versinken, weigere ich mich etwas von Neil Young zu hören. Es bereitet mir keinen Wohlgenuss mehr. Es stört mich. Es transportiert Erinnerungen, die ich nicht ertragen kann. Gelegentlich betrachte ich die CD-Hüllen. Die wirken auf mich wie giftige Substanzen, welche mich in tiefste Verzweiflung stürzen könnten. Dann packe ich sie wieder weg. Für den Tag-X. Der Tag, der in Wirklichkeit schon seit Jahren hinter mir liegt.
Bilder von Gene Clark oder von Gram rühren mich. Sie erinnern mich an Flyp und an mich. An die Person, die ich einmal war, bevor ich mich irgendwo verkrochen habe und diese verbitterte Alte, die ich inzwischen geworden bin, die Kontrolle über mein Dasein übernommen hat. Wo die auftaucht, gibt es Ärger. Und das soll ich sein? Ist das meine Geschichte? Voller Horror und Drama? Entschuldigung, dass bin ich nicht. War ich nicht gestern noch die lustige Blondine? Erfolgreich und beliebt? Mir hat niemand gesagt, dass das jetzt hier mein Leben sein soll. Wo bitte ist der Ausgang? Und wo ist mein Mann? Flyp? Du kannst doch nicht tot sein. Du willst mich doch hier nicht zurück lassen. Bitte, es reicht jetzt langsam. Bitte komme zurück. Ich habe Angst ohne dich. Du fehlst mir. Ich fühle mich einsam.
Er wollte mich sowieso nicht alleine lassen,. Auch weil er wohl ahnte, welcher Horror mich erwarten würde. Und er war kaum kalt, da ging es auch schon richtig zur Sache.
Und ab dem Punkt bekomme ich einen Zwilling aus der Filmwelt. Der Film heisst:"21 Gramm" und die Schauspielerin ist Naomi Watts.
Und wenn jemand einen Film wie "21 Gramm" drehen kann, in dem alle Tabus im Leben von uns Menschen niedergerissen werden. Dann kann ich auch mein Buch schreiben. Darüber, wie grausam das Leben
ist. Über die Bestie Mensch. Die in Form eines Nachbarn oder eines guten Bekannten an jeder Ecke auf uns lauern kann. Um uns zu verletzen, zu zerstören oder uns zu vernichten.
Natürlich geht es in dem Buch auch über die engelsgleichen Menschen. Die auf einmal da sind. Man erwartet sie nicht. Aber sie führen einen durch die Flammen und bringen einen wieder zum lachen.
Niemand ist nur gut. Und niemand immer nur schlecht. Aber wer ist wann ein Engel? Und wer ist eine Bestie? Wie soll man wissen was einem gut tut, wenn man selber gar nicht mehr weiss wer man ist? Die Grenzerfahrungen, an seine eigenen Grenzen stossen... Den Moment, an dem man fliehen möchte, weil es nicht mehr zu ertragen ist, diesen Moment möchte ich mit meinen Worten transportieren. Und dadurch gleichzeitig vermitteln, dass es doch weiter geht. Nicht immer. Irgendwann ist Schluss. Aber meistens. Meistens geht doch noch was.
Im Film geht sterben einfach:"So, ich sterbe jetzt." Oder da wird jemand gestorben. Ermordet. Zu hunderten jeden Tag im TV. Meistens geht das ohne Schmutz zu machen. Der Mensch ist tot. Und gut. Der Täter verzieht nicht mal eine Miene. Überwiegend steigen die Leute dann in ein Auto. Der Zuschauer vergisst die Leiche, welche nun da liegt und ja irgendwo hin muss.
Dabei ist sterben eine anstrengende Sache. Es ist nicht leicht geboren zu werden. Und es ist sehr schwer zu sterben. Das Sterben setzt ungeheure Energien frei. Als mein Mann im Sterben lag, ist das komplette Telefonsystem im Krankenhaus vorübergehend zusammengebrochen. Die Seele ist in dem Moment während sie den Körper verlässt sichtbar. Man kann sie sehen und fotografieren. Und man kann sie hören.
Manchmal stirbt ein Mensch auch einfach. Ohne viel Aufhebens zu machen . Auf dem folgendem Link kann man einen Mann sehen, der in einer TV-Show zufällig stirbt. Er tut das wirklich ohne irgend jemanden damit zu belästigen. Sehr vornehm.
"Franco Scolio dies live": http://www.youtube.com/watch?v=kLkCLZ9Kh08
Im Yoga wird großen Meistern in dem Moment in dem diese in die Unendlichkeit herübergleiten, ein Fußabdruck in Henna abgenommen. Auch ich habe das getan. Es war ein spontaner Gedanke. Dazu benutzte ich das rote Stempelkissen der Station, welches ich der Schwester entrissen hatte. In Flyp´s rechtem Fuß war noch Leben.
Später, sehr viel später als Brigitte und ich in der Wohnung ankamen, sahen wir einen roten Fußabdruck auf der Badezimmermatte. Dem einzigen Stück textilem Bodenbelags, den es in dieser Wohnung gab. Denn Flyp ist mitten im Einzug verstorben. Und so hauste ich noch wochenlang in Kartons. Die Badezimmermatte habe ich sofort gewaschen. Es gab keine rote Farbe in die ich hätte hineintreten können. Und ich war nicht in der Stimmung für Gespenster. Aus meiner heutigen Perspektive würde ich sagen, dass ein Mensch 3 Monate noch Abschied nimmt. Von den Menschen, den Tieren und den Dingen die er liebt / geliebt hat.
Bei meiner ersten Begegnung mit dem Tod, welche nun grausamer Weise der Tod meines Mannes sein mußte, wollte ich nicht von seinem Leichnahm lassen. Ich schaffte es nicht mal eine Haarsträhne abzuschneiden. Er war so schön. Er hatte keine grauen Haare. Ich wollte ihm nicht seine Haare und damit seine Würde nehmen. Und ich war froh, dass sein Leiden vorbei war. Mein Platz war 13 Jahre an seiner Seite gewesen. Und so blieb ich wie selbstverständlich neben seiner Leiche sitzen.
Es beunruhigte mich auch, dass ihn andere Menschen sehen, berühren und waschen würden. Und wie eine Wächterin hockte ich in der Abstellkammer des Krankenhauses neben meinem Mann. Besser: Neben dem, was mein Mann einmal gewesen war.
Ohne Brigitte würde ich wahrscheinlich heute noch neben seiner Leiche sitzen. Mumifiziert und im Tode für immer vereint. Eigentlich kein ganz so schlechter Gedanke. Ein Ende wie es zu "Romeo und Julia" passen würde. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Und so bat mich Brigitte irgendwann darum zu gehen.
Sein Körper wurde noch wochenlang in einem Kühlfach eingelagert. Bevor er beerdigt wurde. Überhaupt der Gedanke, dass "er", dieser Körper, den ich so sehr liebte, da unten liegen und schimmeln würde... Das quälte mich. Und ich hätte ihn am liebsten sofort wieder ausgebuddelt. In dieser Zeit träumte ich von seinem Gesicht. Ich sah den Schimmel. Ich habe sein in Verwesung übergegangenes Gesicht im Sarg gesehen.
Die Beerdigung war seiner Persönlichkeit angemessen. Natürlich war unser Hund mit in der Kirche. Er wollte die ganze Zeit zum Sarg. Auch der Hund hatte den Tod von Flyp nie überwunden. Er hielt noch 4 Jahre treu zu mir. Er wurde 16. Wahrscheinlich wollte er mich nicht verlassen, weil er sich Sorgen gemacht hat. Weil auch er sein Herrchen und sein zu Hause verloren hatte. Weil auch er mitbekommen mußte, wie sein Frauchen um ihr Leben rennen mußte. Wie sehr ich gequält wurde und ich mich quälte.
Und ich konnte nicht von dem Hund lassen. Weil er ein Beweis für mein vorheriges Leben war. Meine Anker, mein letztes Bindeglied zu meinem Mann. Wie ich glaubte. Zwei Jahre lang schleppte ich ich diesen Hund mit mir rum. Ich trug ihn Stufen und schließlich trug ich ihn fast ständig. Bis es nicht mehr ging. Eines Nachts bekam er einen weiteren Schlaganfall. Morgens dann gab ich ihm seine Lieblingswurst und legte ihn in eine Karre. Mit der fuhr ich ihn zum Tierarzt . Ich hatte mir geschworen, dass ich nicht öffentlich weinen würde. Und das tat ich auch diesmal nicht.
Einige Wochen später entdeckte ich einen kleinen Welpen im www. Und so rasch es ging, holte ich diesen kleinen Hund zu mir. Als seine Papiere später vom Züchter kamen, sah ich, dass er am selben Tag Geburtstag hat wie Flyp. Das brachte mich zum schmunzeln. Und ich sage seit dem immer: "Dieser Hund ist ein Geschenk von meinem Mann!"
Um den unerträglichen Gedanken an den Schimmel und den Verwesungsgeruch zu unterdrücken, begann ich damals sofort mit der Grabpflege. Sofort. Ich kaufte alles, was ihm gefallen hätte. Wenn ich am nächsten Tag zum Grab kam, dann waren diese Pflanzen gestohlen worden.
Und niemand kann sich vorstellen, wie weh mir das getan hat. Wie sehr es mich getroffen hat, dass man ihm auch nach seinem Tod nichts gönnen will. Das das einfachste, das absolute Minimum für ihn gut genug sein sollte.
Für meinen persischen Prinzen. Dieses Genie. Dieser fantastische Mensch und den großartigen Freund.
Und dann, etwa 3 Monate nach Flyps Tod, stolperte ich in eine Falle. Das veränderte alles. Und erneut sollte ich alles verlieren, von dem ich glaubte, dass ich es dringend zum Überleben brauchen würde.
Meine Wohnung, meine Stadt, mein Eigentum, meine Freiheit, mein Geld. Statt dessen: Verstecken, Polizei, Staatsanwälte u.s.w. Die Gosse, der Abschaum hatte nach mir gegriffen, packte mich und zwang mich in die Knie. So sehr ich auch strampelte, es ging immer noch ein Stückchen tiefer in den Schmutz. Um da raus zu kommen, mußte ich anfangen, aus meinem Leben ein Geheimnis machen. So tun, als würde es mich nicht mehr geben. Nie wieder zurück gehen in die Stadt, in der der Täter lebt. Keine Kontakte zu meinen Freunden und Bekannten. Weil es sie gefährden könnte. Denn "er" ist nicht schuldfähig. Die Bestie rennt frei rum.
Das Grab meines Mannes, dieser Ort welcher für mich der intimste Platz der Welt ist, kann ich nicht mehr besuchen. Ich kann es nicht pflegen. Weil es "das Schicksal" in Form einer Bestie Mensch so will. Weil mein Leben weniger wert ist als die Freiheit eines psychisch kranken Gewalttäters.
Stalking. Die wiederlichste psychische Störung, die einen Menschen beschleichen kann. Die Bestie Mensch. In diesem Fall: Die Bestie Mann.
Und ich frage mich jeden Tag: Was ist mehr wert? Mein Leben und das meiner Freunde und meiner Familie
oder die Freiheit eines psychisch kranken Gewalttäters?
Was ist das für eine Welt, in der von mir erwartet wird, dass ich mich lebenslang auf der Flucht befinden kann und will? Wer will das schon? Ich sitze wie eine Maus im Loch und starre auf die Bestie. Welche keine andere Beute akzeptieren will als mich. Oder das, was noch von mir über ist.
Natürlich, die Schuldfrage. Alles meine Schuld. Selber schuld. Das habe ich schon 1000 mal gehört. Aber es hilft mir nicht weiter. Ich finde, für was auch immer mir Schuld gegeben wird, ich habe es schon 100 mal verbüßt. Ich habe niemanden beraubt, erniedrigt oder geschlagen. Ich bin nirgendwo eingebrochen. Ich habe noch nie einen Menschen belästigt.
Vielleicht sollte ich mal damit anfangen? Offensichtlich hat Gewalt in dieser Gesellschaft mehr Macht als der Verstand. Und ein Mann, sei er auch noch so matsch im Kopf, scheint mehr wert zu sein, als eine Frau. Eine Frau wie ich. NIcht ganz dumm, nicht ganz jung. Eben nicht wirklich was besonderes. Ideal als Opfer? Bin ich ein Opfer?
Was ist nur aus mir geworden. Ein Opfer! Ein Spielball für einen Idioten. Einen Menschen der nicht mal lesen und schreiben kann. Einen aktenkundigen Gewalttäter. Der nicht nur mich gequält hat und es weiterhin tut, sondern diverse andere. Er wird das immer tun. Denn er ist krank. Aber mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Nicht schuldfähig? Was bedeutet das? Das bedeutet, dass der Täter vor die Wahl gestellt wird: Entweder Knast oder Psychatrie. Liefert er sich der Psychatrie aus, wird er zum Versuchsobjekt der Medizin. Und bleibt ein Risiko für sich selbst und für die anderen. Niemand kann voraussehen, welche Zustände Medikamente im Hirn eines Menschen auslösen. Niemand weiss, wie sich diese Stoffe entwickeln, wenn sie sich erstmal im Körper potenzieren. Tabletten ersetzen keine Therpie. Sie schaffen kein moralisches Bewusstsein und keine Empathie.
Der Patient bleibt eine Zeitbombe. Vorausgesetzt, die Leber kollabiert nicht vorzeitig.
Käme er in den Knast, würde er auch Medikamente bekommen. Aber, er müßte lernen sich unterzuordnen. Er müßte seine Position in der Gesellschaft erkämpfen.
Auf Frauen einprügeln, bei Mutti auf dem Sofa sitzen und Tabletten fressen, dass ist natürlich einfacher und angenehmer. Es ermöglicht ihm eine Flucht vor Strafe und entbindet ihn und seine Angehörigen von jeglichem Verantwortungsgefühl.
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