Freitag, 26. dezember 2008
Der Porsche und die Telefonzelle
Neue Schandtanten des großen Dummvogels
Der schlanke ältere Herr, welcher vom Friedhof der kleinen Stadt herabsteigend meinem Hund und mir entgegenkam, hatte eine seltsame Anziehung auf das Tier. Wie ein Magnet strömte mein
Hund dem Herren entgegen. Und der Greis reagierte ganz entspannt. Als ob er diese Begrüßung erwartet hätte. Er tat nichts. Er schien den Hund nicht zu beachten. Erst als dieser direkt vor ihm
ehrfurchtsvoll zum stehen kam, begrüßte er das Tier auf das freundlichste.
Selbstverständlich eilte ich zum Ort des Geschens, die wenigen Meter den beiden entgegen. Begrüßte den Herren und entschuldigte mich für das Interesse meines Hundes,.welches ihm
hochwillkommen schien.
"Sie haben eine spezielle Wirkung auf meinen Hund. Haben sie selbst Tiere besessen?" Fragte ich direkt.
Der Mann guckte mir fest in die Augen und als er antwortete, bemerkte ich seinen dänischen Akzent: "Mein Name ist Per Persson. Ich war Artist. Ich habe mit Tigern gearbeit." Mir fiel seine Haltung
auf. Auch seine sportliche, gepflegte Kleidung. Die eine Seite seines Gesichts und der Teil seines Halses waren vernarbt. Es schien mir, als hätte er auch Lähmungen.
"Wie sind sie als Artist hier in diese kleine Stadt gekommen?" Frage ich ihn. Wir schlenderten nun gemeinsam einer Bank entgegen. Dort angekommen griff er in seine Brusttasche und zog sorgfältig
ein gefaltetes Dokument hervor.
Es war eine Zeitung. Ein Exemplar aus den 70er Jahren. Das Tageblatt der kleinen Stadt.
Dort sah ich über eine Seite: Fotos des Zirkus und der Tiger. Auch den Herren auf einem Foto aus der Manege.
Im reißerischen Text wurde der Unfall geschildert. Ein Tiger war auf den Dompteur losgegangen. ( Dem Herren, welcher nun neben mir auf der Bank sass und mir eben dieses Stück Papier gereicht hatte.
) Er sagte, dass er den Bruchteil einer Sekunde zuvor, wohl einen Schlaganfall erlitten hätte. Oder direkt dadurch. Jedenfalls war er in jenem Moment wehrlos gewesen. Hilflos. Aber schmerzfrei.
Der Wächter hat das Tier sofort erschossen. Monatelang lag der Artist im Krankenhaus der kleinen Stadt. Dort verliebte sich die Krankenschwester und es wurde als bald geheiratet. Die gute Frau,
welche sehr bald in Rente ging, hatte sich die Arbeit mit nach Hause genommen.
So weit, so gut. Nun, da es sich um eine Geschichte aus dem Leben handelt, war diese freundliche Zusammenkunft vom Artisten, dem Hund und mir noch nicht am Ende.
Es war keine Liebesheirat zwischen den Beiden. Auch wenn diese Beziehung durch aufrichtigen Respekt und Freundschaft verbunden war.
Ein Bestandteil deren Ehe, war der gegenseitige komplette Verzicht auf Sex.
Warum? Warum etwas völlig ausschließen aus seinem partnerschaftlichen Leben? Und doch gab es Dinge, welche man verstehen könnte. Und dieser Herr neben mir wollte, dass ich seine Welt verstand.
Nun, die gute Frau erkrannte sehr rasch innerhalb der Ehe an Krebs. Ihr blieb kaum Zeit ihre Rente mit dem Artisten zu genießen. Sie reisten noch einige Male nach Tunesien, aber die gute Frau
verstarb nach wenigen gemeinsamen Jahren. Oben auf dem Friedhof der kleinen Stadt war ihr Grab. Und der Herr war an jenem Tag zur Grabpflege dort gewesen.
Eigentlich hätte ich längst gehen wollen, aber es schien dem Herren wichtig, dass ich mir seine Geschichte zu ende anhörte. "Sehen Sie gut hin. Sehen Sie meine Arme? Alles grün und blau geschlagen.
Auch mein Rücken. Wollen Sie meinen Rücken sehen? Oder die Beine?" Er fragte mich unvermittelt und zeigte mir seine gebräunten Arme. Sie waren vollständig von Hämatomen übersäht. Das hatte ich
nicht erwartet. Er hatte mich geschockt. Und eine Welle des Mitleids erfüllte mich und ich drohte in Tränen auszubrechen. "Wer hat Ihnen das angetan? Waren Sie beim Arzt? Haben Sie Anzeige
erstattet?" Er blieb ruhig. Aber sein innerliches Beben konnte ich spüren. Er wurde mir etwas unsympathischer. Darum bemühte er sich offenbar, mich wieder auf unser Gespräch einzustimmen.
"Meine Frau. Sie war Artistin! Sie war eine Raubkatze. Sie war wild. Leider ist sie jung verstorben. Früher habe ich immer meine Tiere geschlagen. MIt der Peitsche. Heute will ich geschlagen
werden. Ich schlafe auf den Boden.
Und ich muss gepeitscht werden. Ich trage Ketten und trinke Wasser aus einem Napf.
Diese Filme, diese Spiele ich brauche es. Für die gute Frau war das nix. Die wollte umsorgt werden. Nicht alleine sein. Und ich, ich brauche die Rente. Ich habe doch nix. Wegen dem Unfall und
so.
Den Frauen, die mich schlagen, den zahle ich den Urlaub. Sie müssen sich nicht ausziehen. Sie fassen mich nicht an. Nix! kein Sex. Nur schlagen und demütigen. Sonst können die an den Strand und
machen was sie wollen."
"Hören Sie..." sage ich mit ruhiger Stimme, "...ganz dumm bin ich nicht. Wissen Sie denn nicht, dass der Beruf der Domina eine ernste Sache ist? Das das Damen sind, welche eine gewissen Ausbildung
haben und von daher auch wissen, wohin sie zu schlagen haben? Es gibt genügend Herren, welche es sich nicht leisten können mit solchen Malen wie Sie welche verpasst bekommen haben, nach Hause
zu kommen. Es ist riskant. Ja, Lebens gefährlich was Sie da machen. Sich selbst solchen Laien-Sadisten anzuvertrauen!" Und mein Eifer war echt. Denn ich machte mir ernste Sorgen um den Mann. So wie
er aussah, kriegte er bald eine Überdosis Prügel.
"Machen Sie es. Schlagen Sie mich! Bitte..."
...Das waren seine Worte, welche er mir nachrief, als der Hund und ich rasch den Friedhof verliessen.